Pegida München und die Nähe zum Rechtsterrorismus

Recherche und Analyse

Am 27. November wurde auf der PEGIDA-München e.V. Facebook Seite ein Beitrag mit dem Titel „Wolfszeit“ veröffentlicht. Der Beitrag* kann bei genauerer Betrachtung und im Zuge einer historischen Analyse rechtsextremer Ideologie durchaus als indirekter Aufruf zur Gewalt verstanden werden.

Im September 1944 gab der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, den Befehl zum Aufbau sogenannter Werwolf Kommandos. Diese sollten hinter den feindlichen Linien operieren und dort Sabotageakte durchführen, Kollaborateure einschüchtern und Angst und Schrecken verbreiten. Für den Fall einer Übernahme deutscher Gebiete durch die Alliierten sollte für die Werwolf Einheiten der Guerillakampf im Untergrund, die sogenannte „Wolfszeit“, beginnen. Als ideologischer und taktischer Leitfaden diente das kleine Handbuch „Werwolf. Winke für Jagdeinheiten“, das bis heute in Neonazikreisen verbreitet ist.

Der Name der Werwolf Einheiten ist auf den Roman „Der Wehrwolf“ von Hermann Löns zurückzuführen, in dem sich der Protagonist Harm Wulf während des dreißigjährigen Kriegs als Wehr-Wulf gegen marodierende Söldner zur Wehr setzt. Unter den Nationalsozialisten fand der Roman eine weite Verbreitung und wurde gezielt als Propagandamittel eingesetzt. 1945, zwei Monate vor Kriegsende, propagierte Joseph Goebbels eine neue Werwolf-Ideologie. Nun sollten nicht nur die regulären Werwolf-Einheiten im Untergrund kämpfen, sondern jeder Deutsche sollte zum „Werwolf“ werden und den bewaffneten Kampf gegen die späteren Siegermächte aufnehmen.

„Der Werwolf hält selbst Gericht und entscheidet über Leben und Tod.“ Joseph Goebbels, März 1945

Durchhalteparolen erhielten die „Werwolf-Einheiten“ durch den deutsche Propaganda-Radiosender Werwolf und durch diverse Kriegszeitungen. Insgesamt sind die „Werwolf-Kommandos“ mehr ein dramatisierter Mythos der NS-Propaganda als ein flächendeckendes Phänomen, denn es kam tatsächlich nur vereinzelt zu „Werwolf“ Aktionen. Dennoch werden die „Werwölfe“ in der heutigen rechtsextremen Szene immer wieder zu Helden stilisiert, die sich als letzte „Widerstandskämpfer“ für das deutsche Volk“ gegen die alliierte Übermacht stellten.

Waffen für die Wolfszeit?

Am 26. Oktober 1981 stieß ein Waldarbeiter in einem Waldstück bei Uelzen auf mehrere mit Waffen, Munition und Sprengstoff gefüllte Kisten. Die Polizei nahm in den folgenden Tagen den Forstwirtschaftsmeister Heinz Lembke fest, der sich als Besitzer der Kisten herausstellte. Lembke führte die Ermittler*innen zu weiteren 88 Kisten, die er in 31 Erdverstecken vergraben hatte. Am 1. November 1981 wurde Lembke tot in seiner Zelle aufgefunden. Er hatte sich mithilfe eines Verlängerungskabels erhängt und einen Zettel mit der Aufschrift „Es ist Wolfszeit“ hinterlassen. Lembke bezeichnete sich selbst als „Werwolf“ und hatte laut Bundesanwaltschaft die Waffendepots für den Fall einer kommunistischen Machtübernahme angelegt.

Lembke trat für die NPD als Wahlkandidat auf und stammt aus dem Umkreis des Bundes Heimattreuer Jugend. Zusätzlich hatte er Kontakt zu Manfred Röder, dem Anführer der Deutschen Aktionsgruppen, die 1980 sieben antisemitische und rassistische Sprengstoffanschläge in Deutschland verübten.

Neue „Werwolf-Konzepte“

In den 1980er Jahren wurden innerhalb der verschiedenen Spektren der rechtsextremen Szene die alten „Werwolf-Konzepte“ theoretisch und praktisch weiterentwickelt. Es entstanden eine Vielzahl von Publikationen, die sich mit dem bewaffneten Kampf beschäftigten und Prinzipien wie den „führerlosen Widerstands“ propagierten. In der 1992 von Hans Westmar (Pseud.) veröffentlichten Strategieschrift „Eine Bewegung in Waffen“ heißt es zum Thema „Werwolf-Konzept“: „Der Werwolf der Zukunft ist mehr ‚Feierabend- und Wochenendterrorist‘….“.

Genau im Dunstkreis dieser Ideologie, in der bewaffnete Gewalt als legitimes Mittel im politischen Kampf angesehen wird, entwickelte sich der Nationalsozialistische Untergrund. Den Mitgliedern des NSU wird vorgeworfen, bis zu ihrer Selbstenttarnung im Jahr 2011 mehrere Sprengstoffanschläge, Raubüberfälle und insgesamt zehn Morde begangen zu haben.

Ein Beispiel für die Verbreitung des Begriffs „Wolfszeit“ in der rechtsextremen Szene ist die 2004 von den damals rechtsextremen Liedermacher*innen Annett und Michael Müller veröffentlichte CD „Faktor Deutschland – Wolfszeit„. In dem Refrain des antisemitischen Liedes „Wolfszeit“ wird der Hörer angehalten, sich für die Stunde null (die „Wolfszeit“) und die dann kommende „Wende“ bereit zu halten.

„Haltet euch bereit! Haltet euch bereit! Für die Wolfszeit. Für die Wolfszeit.
Haltet euch bereit! Haltet euch bereit für die Wolfszeit. Wolfszeit!
Wolfszeit! Wolfszeit! Das Spiel hat ein Ende.
Wolfszeit! Wolfszeit! Und bald kommt die Wende.“

2013 lies die Bundesanwaltschaft die Wohnungen, Geschäftsräume und zwei Gefängniszellen von sechs Männern durchsuchen, die im Verdacht stehen ein „Werwolf-Kommando“ aufgebaut zu haben. Ziel der Gruppe war es laut Bundesanwaltschaft das „politische System der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigen“, konkrete Pläne lagen zum Zeitpunkt der Durchsuchungen jedoch noch nicht vor.

Pegida München ruft zum Kampf

In dem von Pegida München veröffentlichten Text werden mehrere Behauptungen aufgestellt, die als Legitimation zum „Kampf“ dienen können. So ist die Rede von einem „Schuldkomplex“, der den Deutschen eingepflanzt worden wäre und von der Angst vor einer „Überfremdung“, die den „deutschen Kindern“ den Schultag schwer macht. Weiter wird das Ende des aktuellen Deutschlands propagiert und die Rückeroberung mit dem Satz: „Wir werden dieses Land für unsere Kinder zurücknehmen“ angekündigt. Zum Abschluss folgt die Drohung „Wenn ihr uns dazu zwingt, werden wir kämpfen – denn wir haben alles zu verlieren.“.

Das Wort „kämpfen“ kann man in diesem Zusammenhang unterschiedlich interpretieren. Doch gerade in Verbindung mit der Überschrift „Wolfszeit“ kann es durchaus als Aufruf zum bewaffneten Kampf verstanden werden. Es gilt, sich nicht alleine auf Begriffe wie „Werwolf“ und „Wolfszeit“ zu fixieren, sondern die immer gleichen Argumentationsmuster und Formulierungen als eine Art Widerstandsideologie zu verstehen, bei der dem vermeintlich in die Ecke gedrängten Deutschen lediglich der bewaffnete Kampf bleibt.

Screenshot: PEGIDA-München e.V. Facebook Seite, erstellt am 29.11.16.

Keine Berührungsängste mit verurteilten Rechtsterroristen

Seit Beginn der Pegida-Märsche in München nahmen auch immer wieder die beiden verurteilten Rechtsterroristen Thomas Schatt (Der III. Weg) und Karl-Heinz Statzberger (Der III. Weg Stützpunktleiter München) an den Demonstrationen teil. Eine Distanzierung durch den Pegida Vorstand oder andere Teilnehmer*innen erfolgte nicht. Ganz im Gegenteil schüttelten Pegida Vorstand Heinz Meyer und die Pegida Ordner fleißig die Hände der verurteilten Neonazis und Karl-Heinz Statzberger durfte bei der montäglichen Pegida Kundgebung am 5. Dezember vor der Feldherrnhalle als Redner sprechen.

Auch der Pegida Vorstand Heinz Meyer steht im Fokus der Ermittlungsbehörden. Gegen ihn wird seit 2012 wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt. Zusätzlich wurde Meyer im November 2015 wegen unerlaubten Führens einer Schusswaffe verurteilt. Ein besorgniserregender Vorfall, der mit dem aktuellen „Wolfszeit“ Beitrag eine ganz neue Bedeutung erlangt.

*Der Beitrag mit der Überschrift „Wolfszeit“ wurde am 27.11.16 auf der PEGIDA-München e.V Facebook Seite als Zitat vom Autor „M.K.“ veröffentlicht.

Ein Gedanke zu „Pegida München und die Nähe zum Rechtsterrorismus“

  1. „Seit Beginn der Pegida-Märsche in München nahmen auch immer wieder die beiden verurteilten Rechtsterroristen Thomas Schatt (Der III. Weg) und Karl-Heinz Statzberger (Der III. Weg Stützpunktleiter München) an den Demonstrationen teil. Eine Distanzierung durch den Pegida Vorstand oder andere Teilnehmer*innen erfolgte nicht. Ganz im Gegenteil schüttelten Pegida Vorstand Heinz Meyer und die Pegida Ordner fleißig die Hände der verurteilten Neonazis und Karl-Heinz Statzberger durfte bei der montäglichen Pegida Kundgebung am 5. Dezember vor der Feldherrnhalle als Redner sprechen.“

    Ja das ist schon ziemlich krass. Pegida München kann man getrost als rechtsextrem bezeichnen und zwar von vorne bis hinten. Vor 1-2 Monaten habe ich gesehen, wie sie vom nationalsozialistischen YouTube-Kanal „Mut zur Wahrheit“ Videomaterial gezeigt haben. Also wem da nicht auffällt, wie rechtsextrem Pegida ist und sie immer noch als „asylkritisch“ und „islamkritisch“ bezeichnet, bei dem stimmt so einiges nicht.

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