Ausschreitungen nach Alexandros Grigoropoulos Demo

Reportage und Bildergalerie

06.12.18 Athen - Alexandros Grigoropoulos Demo

Vor 10 Jahren wurde in Athen der 15-jährige Schüler Alexandros Grigoropoulos von einem Polizisten erschossen. Mehrere tausend Menschen demonstrieren am Jahrestag seines Todes gegen Polizeiwillkür. Im Anschluss kommt es im Stadtteil Exarchia zu Straßenschlachten zwischen Autonomen und der Polizei.

Es beginnt leicht zu regnen, als sich mehrere hundert Schüler*innen und Student*innen vor der Akademie von Athen versammeln. Es ist der Auftakt für die Proteste, die bis in die frühen Morgenstunden andauern werden. Einige Aktivist*innen sind mit Sturmhauben und Tüchern vermummt, die Anspannung ist förmlich zu spüren. Ein als Weihnachtsmann verkleideter Demonstrant posiert mit drohenden Gesten und Steinschleuder vor den Kameras der Fotograf*innen.

06.12.18 Athen - Schülerdemo Alexandros Grigoropoulos
Vermummte Aktivistin während der Schüler*innendemo

Als sich die Menge langsam auf die Straße bewegt und zur Demonstration aufstellt, beginnen einige vermummte Aktivist*innen Teile einer Hausfassade mit Hämmern abzuschlagen und zu handgroßen Wurfgeschosse zu zerkleinern. Andere provozieren die etwas entfernt stehende Polizei mit Rufen und Gesten. Immer wieder drängt ein mit einem Hammer bewaffneter Autonomer die aufgeheizte Menge zurück. Noch will man eine Konfrontation mit der Polizei vermeiden.

Kurz nach dem sich die Demonstration in Bewegung gesetzt hat, fliegen die ersten Orangen und Steine auf ein Regierungsgebäude und eine Bankfiliale. Die Polizei nähert sich langsam und will offenbar die Zerstörung einer Bushaltestelle verhindern. Einige Aktivist*innen lösen sich aus der Demonstration und werfen die ersten Steine in Richtung der Polizei.

Molotowcocktails und Steine fliegen in Richtung der Polizei

Als der erste Molotowcocktail explodiert, antwortet die Polizei mit Blend- und Tränengasgranaten. Mehrere Explosionen zerreißen die Luft. Panisch rennen einige Aktivist*innen in eine Nebenstraße, während sich das beißende Tränengas in der Straße verteilt. Einem Aktivisten ist die Flucht nicht geglückt, er wird durch mehrere Polizisten auf den Boden gedrückt. Weiter Uniformierte schirmen die Festnahme ab und schüchtern Pressevertreter*innen ein.

Die Polizei hat die Lage nun wieder unter Kontrolle und begleitet die Schüler*innendemonstration mit einigem Abstand. Diese zieht am Parlament vorbei und zerstreut sich danach allmählich.

Mord an Schüler löst Proteste aus

Der 15-Jährige Schüler Alexandros Grigoropoulos war am 6. Dezember 2008 im Athener Stadtteil Exarchia von einem Polizisten erschossen worden. Grigoropoulos befand sich auf dem Nachhauseweg von einer Namenstagsfeier, als er laut Augenzeugen in eine verbale Auseinandersetzung mit einem Polizisten geriet. Zuvor hatte es in unmittelbarer Nähe Auseinandersetzungen zwischen Anarchist*innen und der Polizei gegeben.

06.12.18 Athen - Gedenktafel für Alexandros Grigoropoulos
Gedenktafel für Alexandros Grigoropoulos in Exarchia

Der Tod des Schülers löste tagelange Proteste und Ausschreitungen aus, die sich auf ganz Griechenland ausweiteten. Bei den Protesten ging es nicht mehr nur um die tödliche Tragödie durch Polizeiwillkür, sondern sie richteten sich nun gegen die ohnehin schon ins Wanken geratene staatliche Ordnung. Viele junge Menschen demonstrierten gegen das marode griechische Bildungssystem und die prekäre wirtschaftliche Lage und brachten ihre Perspektivlosigkeit damit zum Ausdruck.

Einer der beteiligten Polizisten wurde zwei Jahre später wegen Mordes schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen, dass er vorsätzlich und gezielt auf Grigoropoulos geschossen hatte. Seither wird jedes Jahr am 6. Dezember an den Tod von Alexandros Grigoropoulos erinnert und gegen Polizeiwillkür demonstriert.

06.12.18 Athen - Schülerdemo Alexandros Grigoropoulos
Schülerdemo in Gedenken an Alexandros Grigoropoulos

Abenddemo verläuft friedlich

An der lautstarken Abenddemonstration beteiligen sich mehrere Tausend Menschen, die friedlich durch die Athener Innenstadt ziehen. Immer wieder werden die Namen der von der Polizei getöteten Menschen gerufen. Die Polizei hält großen Abstand und zeigt lediglich vor dem Parlament am Syntagma Platz Präsenz. Auf dem Rückweg in das linke Stadtviertel Exarchia, dass die Polizei nur selten betritt, löst sich die Demonstration auf.

Brennende Barrikaden und Molowcocktails

Die Menschen ziehen nun dort hin, wo militante Aktivist*innen bereits seit mehreren Stunden Barrikaden auf den Straßen errichten und sich auf die Nacht vorbreiten. Vor der Universität Polytechnio fliegen immer wieder Molowcokctails und Steine in Richtung der Polizei, die in einer Seitengasse in Deckung geht. Die Flammen bedecken nahezu die gesamte Breite der Straße und machen ein Vorrücken unmöglich. Ein selbstgebauter Sprengsatz aus einer Gaskartusche explodiert mit einem großen Feuerball nur wenige Meter von den Beamten entfernt. Diese versuchen die Autonomen mit Taschenlampen und Laserpointern zu Blenden und werfen immer wieder Tränengasgranaten.

06.12.18 Athen - Alexandros Grigoropoulos Demo
Autonome attackieren die Polizei mit Molotowcocktails

In einem Hauseingang werden gleichzeitig leere Bierflaschen mit brennbarer Flüssigkeit befüllt und mit alten Lappen bestückt. Die fertigen Brandbomben nehmen herbeieilende Aktivist*innen entgegen, um sie nur wenige Meter weiter in Richtung der Polizei zu schleudern. Die Autonomen sind gut vorbereitet und organisiert. Einzelne Kleingruppen sichern die vielen Seitenstraßen ab und bewachen die Barrikaden. Fast alle Aktivist*innen tragen schwarze Kleidung, Handschuhe und Gasmasken.

Nur im Schutz eines Wasserwerfers gelingt es der Polizei die brennenden Barrikaden nacheinander zu löschen und die Straßen rund um den zentralen Platz in Exarchia allmählich zu sichern. In den kleineren Seitenstraßen gelingt dies nicht. Autonome halten hier die Polizei stundenlang auf Abstand. Zu massiv ist der Bewurf mit Steinen und selbstgebauten Sprengsätzen.

06.12.18 Athen - Alexandros Grigoropoulos Demo
Die Polizei wurde mit Feuerwerkskörpern, Steinen, Molotowcocktails und selbstgebaute Sprengsätzen attackiert

Erst als das Tränengas so dicht wird, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sieht, kann die Polizei einige Meter vorrücken. Immer wieder werfen auch die Polizisten Steine zurück und versuchen die Autonomen mit Rufen zu provozieren. Allmählich ziehen sich die Aktivist*innen immer weiter in die engen Gassen und Häuser zurück. Für wenige Stunden übernimmt die Polizei die Kontrolle über Exarchia.

Am nächsten Morgen sind vereinzelt Menschen damit beschäftigt, die Straßen von den Spuren der vergangenen Nacht zu beseitigen. Von den brennenden Barrikaden ist nichts mehr zu sehen. Es wirkt fast wie ein ganz normaler Morgen in der griechischen Hauptstadt.

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