1. Mai – Ein Hauch von Revolution

Ein Erfahrungsberich

Berlin, Freitag 1. Mai

Es ist kurz vor 18:00 Uhr, ich kämpfe mich durch das Berliner „Myfest“ in Richtung Spreewaldplatz. Die Straßen sind mit gut gelaunten Menschen gefüllt die zu Techno, Dancehall und Raggatek tanzen, ein Durchkommen scheint unmöglich. Am Spreewaldplatz sehe ich den Lauti, der sich bereits einige Hundert Meter die Straße hinunter gekämpft hat. An der Kreuzung Ohlauerstraße Wienerstraße kommt der ganze Demonstrationszug zum ersten Mal zum Stehen. Die Polizei lässt uns nicht weiter laufen, bis die Auflagen verlesen wurden und die Vermummung einiger Demo Teilnehmer*innen abgelegt wurde.

Nach circa einer halben Stunde geht es weiter, wir laufen mit hoher Geschwindigkeit die Ohlauerstraße hinunter. Auf Höhe der Gerhart Hauptmann Schule werden zum ersten Mal römische Lichter gezündet. Die Gerhart Hauptmann Schule wird seit circa 2 Jahren von Flüchtlingen besetzt, die sich für eine Verbesserung der Lebenssituation von Geflüchteten in Deutschland und eine Lockerung der Asylgesetze einsetzen. Die Demo applaudiert und die ersten Polenböller fliegen in Richtung Polizei, die durch den Demonstrationszug durch die Straßen getrieben wird. Nun fliegen Steine auf eine Werbetafel, deren Scheibe mit einem klirrenden Geräusch zerbricht. Andere Demonstrant*innen haben es auf die Spiegel eines Mercedes abgesehen und treten diese ab.

01.05.15 Berlin - 1. Mai Demo
Rauchtöpfe in verschiedenen Farben werden gezündet und vernebeln die Sicht

Auf der Pannierstraße kommt die Demo erneut zum Stehen einige Flaschen fliegen in Richtung Polizei, die von vorne aggressiv in die Demonstration hinein drückt. Die Situation ist angespannt und droht jeden Moment zu eskalieren. Erst als sich die Polizei zurückzieht, beruhigt sich die Lage und die Demonstration zieht weiter. Auf den Dächern der Gebäude in der Karl-Marx-Straße sind Polizist*innen zu sehen, die mit Ferngläsern und Videokameras die Demonstration beobachten, während ein Helikopter seine Kreise am Himmel zieht.

Auf dem Kottbusser-Damm lassen einige Aktivist*innen Transparente von den Dächern herab, die Menge applaudiert. Nach einigen Stopps durch die Polizei kommen wir wieder am Spreewaldplatz an, wo erneut Rauchtöpfe gezündet werden. Es wird nun langsam dunkel und die Polizei beginnt einzelne Personen festzunehmen, die zuvor Flaschen geworfen hatten. Es kommt erneut zu Böller würfen während sich die Polizei immer mehr in Richtung der Absperrungen zurück zieht die rund um den Lausitzer Platz errichtet sind. Langsam beruhigt sich die Lage und die circa 20.000 Demoteilnehmer*innen verstreuen sich immer mehr über das „Myfest“. Insgesamt war der Erste Mai im Vergleich zu den Berichten aus den Vorjahren äußerst ruhig.

01.05.15 Berlin - 1. Mai Demo
Fronttransparent mit zahlreichen Demonstrant*innen

Kurze Historie zum 1. Mai:

Der Erste Mai, auch „Tag der Arbeit genannt“ hat seinen Ursprung in der nordamerikanischen Arbeiterbewegung die 1886 zum Generalstreik zur Umsetzung des 8-Stunden-Arbeitstags aufrief. Diese Forderung schwappte 1890 nach Deutschland, über, wo am 01. Mai 1890 100.000 Arbeiter*innen an Streiks und an Demonstrationen teilnahmen. Unter den Nationalsozialisten wurde der 1. Mai zum gesetzlichen Feiertag, welcher als „Nationalen Feiertag des deutschen Volkes“ missbraucht wurde. Gleichzeitig wurden die Gewerkschaften abgeschafft und zahlreiche Funktionäre verhaftet.

In der DDR wurde der 1. Mai wieder zum Feiertag erklärt und in erster Linie als Motivation und Gelöbnis der Arbeiter*innen zur Steigerung der Produktivität und Leistung begangen.Mit der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland 1990 erlangte der Erste Mai erneut Popularität, da die versprochenen „blühenden Landschaften“ besonders im Osten der Republik ausblieben. Der Erste Mai ist in den letzten Jahren besonders durch zahlreiche große Demonstrationen geprägt, bei denen es in Berlin und Hamburg hin und wieder zu Krawallen zwischen Polizei und Demonstrant*innen kommt.

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